Добралък I Dobrala

Ein Dorf in den Rhodopen. Menschen, Stimmen, Erinnerungen.

Ich kenne Dobralak seit meiner Kindheit. Dort habe ich zuhören gelernt, gespielt, gesungen, aufgezeichnet und geforscht, gedreht und vorgestellt. Dort kehre ich immer wieder zurück.

Was als Zeitzuflucht begann, wurde zu einer langen Beziehung mit einem Dorf, seinen Menschen und seinen Klängen.

Volksmusik

ist letztendlich doch keine Archiveinheit,

sondern eine Lebensweise.

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – oder Zeitzuflucht?

Dobralak steht wie viele bulgarische Dörfer für eine lange Geschichte von Abgeschiedenheit, harter Arbeit und tiefgreifenden politischen Veränderungen. Migration und Abwanderung haben das Dorf über Jahrzehnte verändert. Heute leben hier noch etwa 50 Menschen aber im Sommer wird das Dorf wieder lebendig. Kinder, Enkel und Familien kommen aus den Städten und vor allem aus dem Ausland zurück. Sie feiern, helfen ihren Verwandten bei der Arbeit und bei der Ernte, kochen und bereiten Vorräte für den Winter vor. Ihre Kinder und Kindeskinder verbringen dort ihre Ferien bei den Groß- und Urgroßeltern und lernen von ihnen. Im Winter wird es still. Nur die älteren Menschen bleiben im Dorf. Man trifft sich zu Hause oder im Wirtshaus, erzählt Geschichten und singt. Jetzt haben Erinnerungen Zeit. An den Lichtern und am Rauch aus den Schornsteinen lässt sich erkennen, wer noch da ist. Der Winter ist die beste Zeit für Feldforschung, denn nun haben die Menschen Zeit.

Das Dorf

Lage, Geschichte, Bevölkerung

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Meine Forschung

25 Jahre in Dobralak

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Musik im Leben

Singen, Spielen, Tanzen, Dichten

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Archiv

Aufnahmen, Interviews, Fotografien, Kontexte

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Film „Dobralak“

Öffentliche Medien

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Das Dorf Dobralak

Lage und Landschaft: Das Dorf Dobralǎk liegt im Rhodopengebirge, 27 km südwestlich von Assenovgrad, der nächstgrößeren Stadt, und etwa 50 km von Plovdiv entfernt. Die Straße führt von der thrakischen Ebene hoch hinauf in die Berge in das bewaldete Gebirgsland mit Buchen und Tannen, umgeben von Wiesen und Weiden. Eine vielfältige Tierwelt lebt in den weiten Wäldern: Schlangen und Eidechsen, Vögel aller Art, Wildschweine, Rehe, Hirsche, Füchse, Wildkatzen und Wölfe, auch Braunbären. Die Wiesen und Weiden waren zugleich wichtige Lebensräume für die traditionelle Viehhaltung. Früher gehörten Schaf- und Ziegenhaltung sowie die Rinderzucht zum Leben und Wirtschaften in Dobralak. Die Tiere lieferten Milch, Fleisch und Wolle. Der Alltag der Menschen war durch körperliche Arbeit, sozialen Zusammenhalt und die Beziehung zur Landschaft und zu den Tieren geprägt.

Geschichte und Überlieferung: Archäologische Funde aus Urzeiten, von den Trakern, römische Wege durch das Gebirge und historische Schriften belegen die lange Besiedlung dieser Gegend. Dazu gehört die Klosterordnung (Typikon) des nahe gelegenen, 1083 gegründeten Bačkovo-Klosters, in der „Dobrolong“ erwähnt wird. Es gibt zahlreiche Legenden über die Entstehung des Dorfes. Der Überlieferung nach entstand Dobralak, nachdem die Bewohner vor einer Pestepidemie aus dem älteren Dorf Gerovo flohen. Unter der Führung des Viehhirten Dobri zog ein Gruppe mit ihren Tieren bergauf, auf der Suche nach einem geeigneten Ort für eine neue Siedlung. Als die Herde auf einer kleinen Wiese Rast machte, wählten sie diesen Platz, um sich dort niederzulasssen und sie nannten ihre neue Siedlung „Dobriova laka“ – die Wiese von Dobri.

Infrastruktur, Strom- und Wasserversorgung: Lange Zeit gingen die Menschen mit Kupferkesseln zum Brunnen, um Wasser zu holen und statt Verkehrswege gab es Esel. Bis 1953 eine modernere Wasserleitung mit Wasserspeicher gebaut wurde. Private Wasseranschlüsse in den Höfen und Häusern kamen jedoch erst in den 1960er-Jahren hinzu. Sie wurden mit sauberem, kaltem Wasser aus der Flur Kurija versorgt. 1981 anlässlich des 1.300. Jahrestages der Gründung Bulgariens eine Erweiterung wurde die Wasserleitung eingeweiht. Über eine fünf Kilometer lange Leitung wurde das Wasser der Quelle „Bjalata Woda“ – „Das weiße Wasser“ – bis nach Dobralak geführt. 1988 wurde ein zweiter Wasserbehälter errichtet. Der alte Popen-Brunnen aus alter Zeit erinnert an die Vergangenheit. Er trägt eine alte türkische Inschrift: „Ich habe ein gutes Werk zum Wohle anderer getan.“ Darunter steht die Unterschrift von Ibrahim Ibrahimov, dem Dorfvorsteher (Mukhtar) im Jahr 1848.

1953 wurde auch der Weg nach Assenovgrad trassiert. Dennoch dauerte es bis zum Juli 1958, ehe erstmals ein Auto das Dorf erreichte. Die Ankunft des Jeeps des Staatlichen Landwirtschaftsamtes wurde zu einem großen Ereignis: Die Dorfbewohner versammelten sich auf dem Dorfplatz, die Kirchenglocken läuteten, ein Dudelsack erklang, und es wurde gefeiert, getanzt und gesungen. Ein Jahr später, 1959, wurde Dobralak elektrifiziert. Die Dorfbewohner beteiligten sich selbst an den Vorbereitungen, sammelten alte Kupfergefäße, fällten Bäume und errichteten Masten für die Stromleitungen. Erst ab 1987 wurde der Weg nach Assenovgrad asphaltiert. Etwa zur gleichen Zeit erhielt das Dorf eine Kanalisation.

Bevölkerungszahlen von Dobralak: Die Bevölkerungszahlen dokumentieren den starken Wandel des Dorfes. Bei der ersten statistischen Volkszählung im Jahr 1880 wurden 840 Einwohner registriert. Davon waren 495 Christen und 345 Muslime. Erfasst wurden außerdem 396 Männer, 189 Haushalte und 139 Häuser. Nach der sozialistischen Wende nahm die Abwanderung in die Städte stark zu. 1953 lebten 984 Menschen in Dobralak. Heute leben noch ungefähr 50 Menschen im Dorf.

Meine Forschung

Meine musikethnologische Forschung in Dobralak war vor allem eine Schule des Zuhörens. Ich habe gelernt, dass man nicht nur den Klang hören muss, sondern auch den Menschen, und dass die Situationen, in denen Musik entsteht, eine besondere Atmosphäre brauchen. Wer singt, wer spricht? Wer hört zu? Wer beginnt? Wer antwortet? Was geschieht zwischen den Menschen? Und was verändert sich, wenn eine Fremde mit einem Aufnahmegerät kommt? Diese Erfahrungen haben auch meine eigene musikalische und künstlerische Arbeit verändert. Eine besondere Form von Authentizität entsteht auch beim Forschen durch das ständige Reagieren auf den Augenblick und auf das, was er verlangt. Seit vielen Jahren sammle ich in Dobralak Gesänge, Gespräche, Interviews, Klanglandschaften, Fotografien und Filme. Die Aufnahmen dokumentieren einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten und begleiten die tiefgreifenden Veränderungen des Dorfes. Doch Bewahren allein reicht mir nicht. Ein Archiv kann speichern. Aber kann es auch weitergeben? Was geschieht mit einem Lied, wenn die Menschen, die es gesungen haben, nicht mehr da sind? Was geschieht mit einer Stimme, wenn sie nur noch als Aufnahme existiert? Wie kann aus einer Sammlung wieder eine Begegnung werden? Es geht mir bei meiner Arbeit nicht nur um Speicherung, Ordnung und Bewahrung. Es geht um das Situative und die Weitergabe.

2013 – Authentizität, Medialität und Identität. Wege der Definition und Transformation „authentischer bulgarischer Musiken“: Meine Dissertation enthält eine ausführliche Monografie über Dobralak und untersucht, wie musikalische Traditionen im gesellschaftlichen Leben entstehen, vermittelt und verändert werden.

2016 – Musik für das Nationalbewusstsein – z. B. aus Bulgarien. In: Musikforschung: die Teildisziplinen im Dialog. Schott Campus (online), 2016. Der Beitrag untersucht die Bedeutung bulgarischer Volksmusik für das nationale Selbstverständnis und Gedächtnis. Er zeigt, wie Lieder wie in globalen Maßstab und auch in Dobralak in unterschiedlichen Aufführungssituationen verändert und neu gedeutet werden.

2021 – Zwischen historischer und situativer Authentizität. Musik als Kommunikationsmedium: In: A. Saupe / S. Samida (Hrsg.), Weitergabe und Wiedergabe. Dimensionen des Authentischen im Umgang mit immateriellem Kulturerbe. Göttingen: Wallstein, S. 151–176. Der Beitrag fragt danach, wie musikalische Traditionen im jeweiligen Augenblick entstehen und wie sie zwischen Menschen, Kulturen und bis in den Kosmos hinein weitergegeben werden.

2021 / 2023 – Akusmatische Hörstrategien dörflicher Traditionen: Performance bei Errant Sound, Berlin, 26. Juli 2021; Publikation in: Sven Spieker / Mario Asef (Hrsg.), Akusmatik als Labor. Kultur – Kunst – Medien. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2023, S. 251–273. Die Arbeit untersucht, wie Aufnahmen aus Dobralak durch akusmatisches Hören neue Zugänge zu Stimmen, Situationen und Erinnerungen eröffnen.

2024 – DOBRALAK – Ein Dorf kämpft gegen sein Verschwinden: Filmische Arbeit im Format der ARTE-Reportage 360° von MedienKontor. Der Film führt in das heutige Dorfleben und zeigt die Menschen, ihre Erinnerungen und die Veränderungen, die Dobralak prägen.

2026 – The Sounds of Bulgaria / Как звучи България?: In: Maria Schnitter (Hrsg.), Bulgaria for Beginners / България за начинаещи. Plovdiv: Plovdiv University Press, 2026, englische Ausgabe S. 159 ff., bulgarische Ausgabe S. 127 ff. Die interaktive Publikation stellt die Klangwelt Bulgariens vor und erschließt musikalische Traditionen als Teil kultureller Erfahrung und gesellschaftlichen Lebens.

2026 – My Relationship with Singing. Sung Listening as a Form of Artistic Research: In: Sabine Sanio, Elen Flügge und Julia H. Schröder (Hrsg.), Sound Studies and Sonic Arts Reader 2: Sound in Artistic Research. Wolke Verlag, 2026. Anhand eines Beispiels aus Dobralak untersuche ich das Dorf als Ort an dem musikalischen und gesungenen Wissens über Generationen weitergegeben wird. Singen wird dabei nicht nur als musikalische Praxis, sondern auch als eine Form des Künstlerischen Forschens und Erkennens verstanden.

Musik im Leben

Was ist Musik? Singen, spielen, tanzen, dichten, arbeiten mit Musik, ausruhen mit Musik, sprechen durch Musik, Rituale begehen und Feste feiern – überall ist Musik. Das Musikalische steht dabei meist nicht im Zentrum oder auf einer Bühne, sondern die Klänge umschließen das Situative, sie strukturieren es häufig und sie verleihen ihm eine Atmosphäre.

Musik umfasst und strukturiert häufig die konkrete Situation – in Ritualen, bei Festen und im Alltag – in Vergangenheit und Gegenwart und in Zukunft.

In Dobralak habe ich erfahren, dass Musik hier nicht einfach ein Repertoire von Liedern meint. Sie gehört zu konkreten Situationen. Sie entsteht zwischen Menschen. Sie ist mit einem Ort verbunden, mit einer Jahreszeit, einer Arbeit, einem Fest, einer Begegnung – und mit dem Wissen darüber, was in einem bestimmten Augenblick zu tun ist. Singen ist eine Lebensweise. Wenn man ein Lied aus einem Archiv holt, hat man ein Lied. Wenn man Menschen beim Singen zuhört, begegnet man einer Lebensweise.

Volksmusik ist letztendlich doch keine Archiveinheit, sondern eine Lebensweise.

In Dobralak hat mich besonders beeindruckt, wie genau Menschen wissen, wann etwas gesungen werden kann und wie eine Situation aufgenommen und weitergeführt wird. Es geht dabei nicht nur darum, welches Lied gesungen wird. Es geht darum, wie, wann, wo und warum gesungen wird. Ich nenne das situatives Singen. Und vielleicht liegt gerade darin eine Form von Authentizität, die sich nicht archivieren aber doch weitergeben lässt.

Archiv

Die musikethnologische Sammlung aus Dobralak umfasst Aufnahmen von Gesängen und Instrumentalmusik, Interviews, Klanglandschaften sowie Bild- und Filmmaterial. Sie steht zugleich in einer längeren Geschichte des Sammelns: Bereits seit den 1930er Jahren wurden Lieder von Menschen aus Dobralak und von Ausgewanderten in verschiedenen bulgarischen Archiven aufgezeichnet. Meine eigenen Aufnahmen führen diese Geschichte in die Gegenwart weiter. Dabei interessiert mich nicht nur, was erhalten geblieben ist. Mich interessiert ebenso, was sich verändert hat und was neu entsteht, denn Dorfkulturen sind keine eingefrorenen Überreste einer vergangenen Zeit. Dorfkulturen scheinen über unerschöpfliche musikalische Quellen zu verfügen, so dass immer weiter gesungen werden kann.

Die musikethnologischen Sammlungen aus Dobralak

Historische Archivaufnahmen (Musikfolkloristisches Archiv der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften)

Sammlung Deniza Popova, 2002–2026 (Originalarchiv der Abteilung Medien: Musikethnologie, Berliner Phonogramm-Archiv, des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst, Staatliche Museen Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz)

Meine eigene musikethnologische Sammlung dokumentiert das musikalische Leben in Dobralak über mehr als zwei Jahrzehnte. Sie umfasst Gesänge und Instrumentalmusik, Interviews, Klanglandschaften, Fotografien und Filmmaterial. Die Aufnahmen halten sowohl überlieferte musikalische Praktiken als auch Veränderungen, neue Interpretationen und die Entstehung neuer musikalischer Formen fest.

Film „Dobralak“

Aus dieser langjährigen Beziehung zum Dorf konnte die Reportage „Dobralak. Ein Dorf kämpft gegen sein Verschwinden“ entstehen. Ausschlaggebend war das Interesse und die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Heiko Aufdermauer und seine Möglichkeit, für Mediencontor und Arte zu drehen. Der Film erzählt wie die wenigen Menschen von Dobralak im Dorf versuchen, Leben, Gemeinschaft und Rituale weiterzuführen. Für mich war die Entstehung des Films zugleich eine Suche nach einer anderen Form des Erzählens. Gemeinsam mit Heiko Aufdermauer suchten wir eine filmische Sprache, in der die Stimmen der Menschen und ihr Habitus in der akustischen Landschaft des Dorfes eine zentrale Rolle spielen. Es ging mir darum, den Klang nicht zur bloßen Illustration des Bildes werden zu lassen. Mir war wichtig, dass die dazukomponierte Fahrstuhlmusik der Massenmedien meinen musikethnlogischen Aufzeichnungen Platz macht. Die „komponierte“ Mainstreemmusik empfand ich als bedeutungslos und kollonial und somit überflüssig für den Film. Stattdessen sollten auch jene Stimmen hörbar bleiben, die nicht mehr anwesend sein können. So ist eine weitere Ebene hinzukommt, die auch den bereits verstorbenen Stimmen Gehör verschafft. Wichtig war mir auch, das die bulgarischen Menschen die Sprache verstehen und weil der Film nur auf Deutsch und Französisch herausgegeben wurde, machten wir mit Heiko eine neue buglarische Fassung und so kam zu den gleichen Bildern eine neue aber gleichzeitig alte Musik aus Dobralak und mein bulgarischer Voiceover hinzu. Der Film wurde damit selbst zu einer Form des bewegten Archivs. In dieser buglarischen Variante wurde er ausgezeichnet von … und wer ihn in Bulgarisch mit der musikalischen Tiefenstruktur und mit der Anwesenheit der bereits verstorbenen Dorfbewohner sehen möchte:

BULGARISCHE VERSION

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Untertitel: Deutsch, Englisch, Französich

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