­TABLE SINGING: GESPRÄCHE UND GESÄNGE AM TISCH

In der Mitte ein Tisch. Um ihn herum drei Frauen. Sie singen, reden und lauschen zwischen den Kulturen, Lebenszeiten, Traditionen und Glaubenswelten.

Die libanesische Schriftstellerin und Malerin Etel Adnan starb 2021, wenige Tage vor der Auszeichnung ihres Lebenswerks, im Alter von 96 Jahren in Paris. Ihre Gemälde waren Impulsgeber für das Projekt Table Singing. Die musikalische Aufführung ehrt Weiblichkeit und Kunst unabhängig von Nationalität und Alter. Deniza Popova und Eva Glasmacher wagen es für diesen „Tischgesang“ die 1929 geborene Opernsängerin Ida Finzi zur Ko-Kreation einzuladen. Sie lebt in Bulgarien. Ihr sephardisches Liedgut wird mit den Stimmtechniken der zwei forschenden Sängerinnen einen zeitgenössischen, historisch verantwortungsvollen Zusammenklang erzeugen.

TABLE SINGING: Die beiden Frauen verbindet der Wunsch nach direkter musikalischer Kommunikation. Gemeinsam wählen sie eine dritte Stimme aus. Sie setzen sich zusammen an einen Tisch, um einander genau zuzuhören: Wie klingt eine andere Kultur, wie eine andere Zeit, wie klingt diese andere Geschichte? Es werden transparente Momente entstehen, in denen die Stimme des Gastes klar zu hören ist. Was bringt sie mit? Was ist sie bereit, zu teilen? Sobald eine Stimme spricht, hören die Anderen zu. Wenn diese Stimme aber singt, können die Anderen sie begleiten und mit ihr verschmelzen und ein gemeinsames Universum der Teilhabe entstehen lassen.

BEI IDA FINZI AM TISCH: Bei Ida Finzi in Sofia werden sie als erstes am Tisch sitzen: Die 1929 geborene bulgarische Opernsängerin und ihre vierundzwanzig sephardischen Lieder, mit denen sie in der ganzen Welt gastierte und die sie noch aus ihrer Kindheit, im jüdischen Sofia, kennt, werden musikalisch einen Mittelpunkt bilden und Anlass zu Gesprächen und zum Singen selbst sein.

FORSCHUNG: Der Zugang den Eva Glasmacher und Deniza Popova wählen, ist eine Kombination aus künstlerischer Forschungsarbeit und musikethnologischer Feldforschung. Die Dokumentation soll Eingang in die Musikarchive und in die Sammlungen jüdischer Musikgeschichte in Deutschland und Bulgarien finden.

AUFFÜHRUNGEN: Table Singing wird als interaktive Performance an verschiedenen Orten mit Publikum fortgesetzt. Die Sängerinnen gastieren an verschiedenen Tischen, an denen diese sephardischen Lieder Gehör finden. Sie treffen dabei auf andere Sänger*innen und auf ein Publikum, das selbst Symbole, Themen und auch Lieder an den Tisch trägt und verbal oder musikalisch zur Sprache bringen mag. Das Erlebte wird dokumentiert und sowohl dem Publikum in Deutschland als auch in Bulgarien zugänglich gemacht, so dass sich Kontext und Raum für den weiteren musikalischen Austausch iterieren – singend und redend. Die vierundzwanzig sephardischen Lieder von Ida Finzi werden in verschiedenen Varianten verbreitet. Die alten zu erhalten und weitere Varianten hinzuzufügen gibt Hoffnung, denn dies kann die Weitergabe von Erinnerungen mit einem Erleben gemeinsamer positiver Bedeutungsbildung fördern und ist ein gutes Ziel im Namen von Erinnerung, Gegenwart und Zukunft.

VISION: Die Feier des Augenblicks trifft auf das Verantwortungsgefühl für Geschichte und Musik. Das Hörbarmachen der unterschiedlichen Stimmen und der Stimmtechniken der Frauen lässt ihre Klänge und Gesänge neuartig in Kommunikation treten. Überliefertes und individuelle Lebensgeschichten werden erlebbar!

Berlin, 31. Januar 2022